WebContentManagement ist tot – die Segmentierung im Netz
Auf der Key-Note der ersten CoreMedia Connect Veranstaltung am 23.09.2010 in der Hamburger Speicherstadt hat Tim Walters von Forrester einen Vortrag über die Zukunft des Web Content Managements (WCM) gehalten. Sehr interessant und provokativ. Seine zentrale Aussage “WCM is dead”. Gleich als nächstes wurde der Artikel aus der wired hochgehalten, in der sogar das Web als tot gehalten wird. Und dann gab es in dieser Woche einen Bericht, dass das Netz viel größer ist, als es derzeit in Suchmaschinen indiziert ist. Diese Aussagen müssen als erstes einmal im einzelnen Bewertet werden, um sie dann mit etwas Abstand wieder zusammen zu betrachten.
Die Aussage von Tim Walters, dass das WCM tot ist, stimmt natürlich nicht. Aber ein Content-Management-System (CMS) kann sich heute nicht ausschließlich nur auf die Verwaltung von Web-Inhalten konzentrieren. Das Web ist durch die Sozialen Netze wie Facebook, twitter (ich will hier nicht alle aufzählen) viel vielschichtiger geworden. Ein Unternehmen muss heute nicht nur Content erzeugen, SEO-Maßnahmen ergreifen, um die User auf seine Seiten zu locken ziehen. Ein Unternehmen muss sich auch um die Sozialen Netze kümmern, um dort mit den Usern zu kommunizieren. Der einfachste Weg ist diese Sozialen Netze als Link Schleuder zu benutzen. Ich schreibe hier extra Link Schleuder, weil die Anzahl der Links die in Sozialen Netzen von einem Unternehmen verbreitet wird auch sehr schnell zur Abkehr von diesem Unternehmen führen kann. Wertvolle Informationen gehen dann also an den entsprechenden Usern vorbei. In vielen Studien wird deshalb die Kommunikation mit dem User empfohlen. Einen sehr lesenswerten Vergleich ist auf Media Digital über das unterschiedliche Vorgehen auf sueddeutsche.de und zeit.de dargestellt. Und ein Unternehmen muss sich ggf. um die Apps auf mobilen Endgeräten kümmern. Auch hier muss Content in einer anderen Form ausgespielt werden. Ein modernes CMS muss also nicht nur einfach Content auf eine Seite ausspielen, sondern viel mehr Bereiche berücksichtigen. Aus diesem Grund stimmt die Aussage, dass ein WCM tot ist. Ein CMS muss heute ein – ich nenne es – MDCM (Multi Distribution Content Management) sein.
Der Bericht von Chris Anderson in der wired geht genau genommen in die gleiche Richtung, nur mit dem Schwerpunkt auf die Apps. Derzeit erleben Apps durch das starke Wachsum im Bereich des mobilen Internets einen starken Hype. Verschiedene Studien von Nielsen und der AGOF untermauern diesen Trend mit entsprechendem Zahlenmaterial. Viele Apps sind aber genau genommen wieder nur Browser, die den Content dann von oben beschriebenen MDCM laden. In der Regel handelt es sich um html5-Seiten, die in einem speziellen Rahmen von der App geladen. Die Inhalte werden aber nicht mehr über den klassischen Browser geladen. Ein User mit einem modernen Smartphone (egal ob iPhone, Android, Windows Mobile oder Blackbarry) startet für alle Fragen eine verschiedene App, z.B. für Facebook, twitter, Wetter, Nachrichten usw. Somit übernehmen die Apps eigentlich nur die Bookmarkfunktion der Browser (gleiches kann ein User eigentlich auch mit den Seiten in einem Browser machen, aber für die User scheint es einfacher zu sein, sich mal eben eine App zu installieren). Ist das Web also tot? Aus meiner Sicht nein, nur die Art wie die Web-Seiten aufgerufen werden, wird nach sich nach dem aktuellen Trend verschieben. Ich konnte mich auf der CoreMedia-Veranstaltung auch mit Tim Walters noch unterhalten. Wir haben lange über Apps diskutiert. Er gab mir Recht, dass er derzeit auch noch nicht den langfristigen Siegeszug von Apps sieht; dies wird sich in den nächsten 5 Jahren entscheiden. Apps haben aus meiner Sicht nur dann einen Vorteil, wenn ich Geschäftsprozesse damit aussetzen kann. z.B. wenn ich AR mit einbinden kann, wenn ich z.B. Bedienungsanleitungen in der Kombination Kamerabildern kombinieren kann. Ein User hält die Kamera seines Smartphone auf das neue Auto, im Hintergrund werden Informationen auf das Display des Phones geladen und die verschiedenen Funktionen des Autos erklärt, z.B. wie kann die Klimaanlage, die Standheizung eingestellt werden. Da sich die Anzahl dieser Anwendungen in der Zukunft stark vermehren werden, wird der Traffic für diesen Teil im Netz stark zu nehmen (es gab dies ja früher nicht). Bei einer Hundertprozentbetrachtung des Traffics, wird somit der Anteil des WebTraffics abnehmen. Ob sich aber die vielen derzeit auf dem Markt befindlichen Nachrichten- oder Magazin-Apps durchsetzen wird sich noch entscheiden, weil die Betreiber dieser Seiten viele verschiedene Endgeräte berücksichtigen müssen. Ich wage mal die Aussage, dass die Apps dieser Anbieter in der Zukunft reine StarterApps sind und sich der Content ausschließlich html5-Webseiten sein werden.
Die Anzahl der Seiten im Netz (ich schreibe hier absichtlich Netz und nicht Web) wird in der Zukunft stark zunehmen. Und viele dieser Seiten werden nicht über die Suchmaschinen wie google oder bing erreichbar sein. Die Sozialen Netze werden viele Seiten hinter einer Anmelde-Seite für Suchmaschinen unsichtbar machen. Die Anzahl der geschlossenen Benutzergruppen, die innerhalb der Sozialen Netze wird stark ansteigen – schließlich will nicht jeder seine privaten Daten allen im Netz präsentieren. Auch wenn Eric Schmidt von google dies gern hätte; er kommt ja mit seiner Suchmaschine derzeit nicht über die Anmeldeseite einer Gruppe hinweg. Auch die im letzten Absatz beschriebenen Seiten, die nur über Apps ausgeliefert werden, können von den Suchmaschinen nicht erfasst werden. Aber auch in der Vergangenheit gab es geschlossene Benutzergruppen, die von dem Suchmaschinen nicht erfasst werden konnten. Diese Seite wurden über Landingpages oder eben über Links in eMails für die User erreichbar. In der Zukunft wird sich also nicht viel ändern, nur die Anzahl der Segmentierung im Netz wird sich stark erhöhen. Wir werden uns daran gewöhnen, dass wir in der verschiedenen Segmenten im Netz verschiedene Suchen anwenden müssen. In Sozialen Netzen werden wir anders suchen als im klassichen Web. Und in Apps werden wir nur die eine Seite durchsuchen können. Aber gerade der Bereich der Sozialen Netze wird ein völlig neues Suchverhalten entstehen lassen. Wie finde ich die interessanten Gruppen zu einem bestimmten Thema in einer geschlossen Benutzergruppe.
Das Netz wird sich also weiter in verschiedene Segmente aufteilen. Diesen Schritte werden auch die CM-Systeme mitmachen und sich in Multi Distribution erweitern werden. Für große WCM-Hersteller wird es immer komplexer auf alle Anforderungen einzugehen. Es werden sich neue Anbieter finden, die sich genau auf einen Anwendungsfall innerhalb einer Branche mit Spezialtools konzentrieren. Durch die neuen Segmente wird sich die Aufteilung des Netztraffics verändern. In Summe wird der Traffic weiter deutlich steigen, in den verschiedenen Segmenten wird es aber zu einer messbaren Abnahme kommen. Und durch die verschiedenen Segmente im Netz wird sich das Suchverhalten ändern und es wird neue Tools geben, die genau dieses unterstützen werden.




